Die leere Gesellschaft


Die Art, wie wir Menschen zusammenleben, verändert sich derzeit rasant und global. Die Entwicklungsweise der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lebensbereiche bricht mit der natürlich gewachsenen Struktur und bildet einen künstlichen Gegenpol, der menschenverursacht eine Eigendynamik bekommt. Die verkürzten Zeitabstände, in denen wir denken und handeln, sowie die veränderten Ursachen, die uns antreiben, verfremden unsere Grundbedürfnisse und somit auch unsere Gesellschaft.
Die leere Gesellschaft ist modern, global austauschbar, multikulturell und geschichtslos. Die weltweite Vielfalt der charakteristisch und kulturell divergenten Völker ist derart massiv auf dem Rückzug, daß man angesichts dieser Dimension, in denen das Ganze vor sich geht, eine Bedeutung vermuten möchte. Ist die Abkehr von der natürlich entstandenen Kultur und Eigenart hin zur leeren Gesellschaft mit ihrer Identitätslosigkeit nur eine scheinbar zufällige und beklagte Angleichung? Was wäre, wenn es sich um einen gesteuerten Prozeß handelt? Was wäre, wenn wir Zeugen eines „Befreiungsschlages“ gegen das Charakteristische hin zur Eigenschaftslosigkeit wären? Welchen Vorteil bietet die globale Konsumgesellschaft gegenüber dem traditionellen Volk?
Die großen Kulturnationen der Geschichte strahlten wie ein Licht durch viele Epochen, und stets wurden sie als Perspektive der Philosophie und des sozialen Zusammenlebens betrachtet.
Humanismus und Demokratie haben sich Frieden, Freiheit und Gleichheit auf die Fahnen geschrieben und paktieren dabei erfolgreich mit Kapitalismus und Kolonialpolitik. Aus dieser Mixtur entsteht allmählich eine leere Gesellschaft, die Verwandlung der demokratischen Volksherrschaft zur globalen Kapitalherrschaft. Wohlstand in den westlichen Ländern ist tatsächlich weit verbreitet, angesichts der Produktivitätsmöglichkeiten des 21. Jhd. jedoch eher selbstverständlich. Der Beigeschmack der ungleichen Verteilung und die radikale Plünderung der Ressourcen, gerade in der Dritten Welt, bis hin zum Drogenhandel, Kinderprostitution und Menschenhandel ist eine Schmach, die allgemein bekannt ist und meist bedauert wird. Humanitäre Projekte und Spenden konnten z. B. die bis heute dramatische Entwicklung der Verelendung seit der imperialistischen Kolonialpolitik in Afrika nicht verbessern. Unter diesen Aspekten ist es auch mit der Freiheit nicht mehr allzuweit her, wenn wirtschaftliche Interessen die Menschenrechte überholt haben und das Vorhaben zur Liberalisierung der Märkte entgegen der Freiheit der Völker (Völkerrecht) zunehmend von Erfolg gekrönt ist. Bei uns werden Leihbeamte von Unternehmen gemietet, und Konzerne erstellen Gesetzentwürfe, die oft kritiklos von der Legislativen abgenickt werden. Hierbei wird es durch globale Konzernverflechtungen zunehmend schwieriger, die tatsächlich Verantwortlichen ausfindig zu machen. International muß man wohl auch nicht lange über die israelische Siedlungspolitik oder die amerikanischen Militärschläge und Terrorgesetze diskutieren.
Wenn man also nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland eine Demokratie aufbauen wollte, weil man sagt, daß die Monarchie Europa in den Krieg geführt hat, steht dieses Ideal im genauen Gegensatz zur tatsächlichen Umsetzung. Stünde der Friedenswille im Vordergrund, hätte man doch spätestens nach dem zweiten Weltkrieg 1945 von dieser Form der Demokratie Abstand nehmen müssen.
In der leeren Gesellschaft lebt man jetzt und heute oder im Cyberspace. Sie hat Bedürfnisse geweckt, die es so vorher gar nicht gab. Es herrscht eine gewisse Teilnahmslosigkeit und Lethargie, aber auch ein stetiger Wechsel. Reiselust und schneller Konsum, Ort und Zeit scheinen zu fliegen. In dieser Geschwindigkeit erreicht ihre Bewohner ein Trancezustand, in dem der zerbrochene Strich zu einer verschwommenen, durchgezogenen Linie wird.
Die leere Gesellschaft bildet heute bereits die allernächste Zukunft besonders in den westlichen Metropolen. Neben diesem augenscheinlich zu großen Ausmaß für eine zufällige Erscheinung kann man über die Vergangenheit und der Entwicklungsgeschichte ebenfalls auf einen künstlich herbeigeführten Prozeß schließen, der drittens noch ein Motiv braucht, um ihn zu verstehen.
Entwicklungsgeschichtlich interessant ist die Beobachtung über Jahrhunderte. In der leeren Gesellschaft gilt „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern“. Ihre Bewohner tun sich folglich schwer mit Identität und können zumeist geschichtliche Ereignisse in längerer Abfolge nicht in einen Kausalzusammenhang bringen. Naturgesetze und Evolution wirken in Zeitabständen, die in heutigen Terminkalendern keinen Platz finden. Ein Reisender sieht viel von der Welt, kann jedoch die Veränderung ihrerseits und somit ihr eigentliches Wesen nicht erkennen.
Soziale und soziologische Bedürfnisse des Menschen, wie Sicherheits- und Kollektivbedürfnisse werden nicht ausreichend befriedigt. Als Ersatz für Familie und Freunde dient die Karriere, der Hund oder ein Psychiater. Statt der Heimatliebe gibt es eine bunt restaurierte Altstadt und gegen die drohende Langeweile werden in Fabriken Träume produziert, die jede Woche für neue Ablenkung sorgen. In einem Leben mit unterdrückten Bedürfnissen schafft Konsum jeglicher Art Erleichterung. Der Markt reagiert schnell und flexibel mit tollen Angeboten. Vom pseudoexotischen Filialrestaurant, über künstliche Volksmusikevents, bis hin zur Identifikation mit Marken, Labels, Stars und Discountmärkten.
Folglich kann man die Frage nach dem Motiv mit den Gewinnaussichten der leeren Gesellschaft beantworten. Mit den Bewohnern der leeren Gesellschaft läßt sich wohl ganz gut wirtschaften. Also nutzt sie dem, der von ihr profitiert. Sein Interesse ist die Ausdehnung dieser Gesellschaft und eine Ertragssteigerung. Auch damit identifiziert man sich, denn die leere Gesellschaft hat auch ihre Schattenseiten. Die gefühlte Kriminalität und die ständig drohende Arbeitslosigkeit gefährden die individuelle Existenz und Konsumfähigkeit. Kreditunwürdig stehen Individuen vor den privaten Shoppingcentern und werden dabei mißtrauisch über Videokameras überwacht.
Historisch lassen sich schleichende Prozesse genauer über größere Zeitintervalle erkennen. Zumindest wenn sie sich als nachhaltig erfolgreich erweisen. Die leere Gesellschaft wird in erster Linie durch die Wirtschaft beherrscht. Doch Geld kann nie selbst die Macht sein, sondern immer nur ein Werkzeug von ihr. Manch einer hat alles in kürzester Zeit verloren, anderen dient Geld über Generationen hinweg als Mittel für die eigenen oder  kollektiven Interessen, was deutlich macht, daß man zum Verständnis der leeren Gesellschaft auch etwas weiter in die Geschichte zurückblicken muß.
Die erste große internationale Finanz- und Wirtschaftsmacht in Europa ging vom christlichen Rom aus. Als 330 n. Chr. der römische Kaiser nach Konstantinopel ging, fällt das Erbe der antiken Macht in die Hände der Päpste. Der neue Monotheismus brachte eine bis dahin unbekannte religiöse Intoleranz nach Europa, die eine neue Dimension des Hasses zwischen den Menschen säte. Das Christentum war der Wegbereiter des Kapitalismus. Vor tausend Jahren töteten Ritter im Namen des neuen Gottes und ebneten Kaufleuten und internationalen Handelsorganisationen den Weg, wie z. B. der Hanse als Nutznießer des Deutscher Ordens (bis heute existent) im Baltikum. Die ersten Christen waren Juden, sie erlitten schwere Rückschläge, setzten sich aber dennoch innerhalb eines großen, über Generationen übergreifendes Zeitfenster durch. Tempelrittern wurde die Verpfändung ihrer Ländereien an Juden zur Bedingung für eine Teilnahme an Kreuzzügen. Später perfektionierten sie die Kapitalisierung von Pilgerfahrten ins Heilige Land. Privilegien in der Finanzpolitik und bei der Rechtsprechung über fast tausend Jahre brachten den Juden einerseits Neid und Antisemitismus, andererseits Reichtum und die Erhaltung ihrer Art bis in die heutige Zeit. Alle anderen Kulturen des Mittelmeerraums aus der Antike sind, obwohl zumeist viel bevölkerungsreicher, schon lange ausgestorben. Grund genug um über eine wertfreie Analyse vom Judentum zu lernen.
Nachdem die Gefahr der einfallenden Germanenstämme im Zuge der Völkerwanderung mit Hilfe des Christentums in den Griff gekriegt wurde, konnte Rom sich um die Kolonialisierung Europas kümmern (ab 313 n. Chr. „Toleranzedikt von Mailand“). Neben Kreuzzügen ins ferne Heilige Land, schlachteten in Mitteleuropa die Franken ihr Brudervolk, die Sachsen, nieder, was zum Vergleich bei der Einwanderung der Franken nach Gallien vor der Christianisierung noch völlig friedlich vonstatten ging. Ungläubige konnten fortan nicht mehr toleriert, sondern nur bekehrt oder getötet werden. Das Christentum wirkte stark auf das gesamte öffentliche Leben, die Sprache, das Recht, die Wissenschaft und die Kunst ein. Es formte die höhere Bildung und das Geistesleben, die Antike hingegen wurde umgestaltet und bekämpft. Die Führung im weströmischen Reich wurde vom Papst übernommen (754 n. Chr. „Pippinische Schenkung“ – Kirchenstaat). Politisch und wirtschaftlich machte sich Rom auf, die Menschen Europas zu kontrollieren (Beichte), zu beherrschen (Ritter) und auszubeuten (Ablaßhandel).
Des weiteren wirkte Rom auf die charakterliche Erziehung der Menschen: Denunzierung, Folter und Hexenverbrennungen gab es in Deutschland noch bis vor 200 Jahren. Kenntnisse der Naturheilkunde oder Denkweisen der kritischen Methode konnten schnell zum Todesurteil führen, ein Tabu wurde aufgebaut, wie man es in Deutschland auch heute wieder aus anderen Bereichen kennt. Werte und Charaktereigenschaften wie Stolz, Ehre und Tapferkeit wurden gegen Demut, Reue und Schuldbewußtsein ausgetauscht. Der Vorteil der Beherrschbarkeit liegt auf der Hand, wenn man nur noch die Wahl zwischen Himmel und Hölle hat.
Angesichts dieser ersten europäischen Völkermorde und der Umerziehungspolitik sollen nun die Anfänge des Frühkapitalismus in einem engeren Zeitfenster beleuchtet werden. Vor dem Hintergrund, daß der Mensch seit dem Sündenfall im Paradies in Schuld geboren ist, taten sich für Nichtchristen neue Möglichkeiten auf. So kamen im frühen Mittelalter die ersten Juden nach Deutschland. In Magdeburg, Köln und Augsburg lebten sie anfänglich Seite an Seite mit ihren deutschen Nachbarn und genossen dieselben Rechte (germanisches Recht) wie die ansässige Bevölkerung – Antisemitismus war unbekannt. Das änderte sich ab 940 n. Chr. mit der von Rom in Deutschland erlassenen, so genannten „Judenverordnung“. Dieses durch die Fremdherrschaft Roms erlassene Gesetz schrieb vor:
Juden dürfen nicht in ländlichen Gegenden sondern nur in Städten wohnen. Außerdem dürfen sie kein Land bewirtschaften oder irgendein Handwerk betreiben. Erlaubt ist ihnen statt dessen nur Trödelhandel und Geldverleih. Soweit klingt dies nach einer Benachteiligung der Juden gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung. Doch wurde kurz darauf vom Staat eine bis dahin unbekannte neue Politik eingeführt – die Zinspolitik. Dieser kirchliche Erlaß und eine schnell folgende, drastische Erhöhung der behördlich festgesetzten Zinssätze von staatlicher Seite, ermöglichte den Juden durch anfängliche Einnahmen aus Schuldzinsen weitere Kredite zu vergeben. Die Zinssätze wurden von den Behörden immer weiter nach oben getrieben, der Geldverleih blühte, und in Folge wurden die meisten Juden sehr schnell sehr reich.
Da auch Fürsten und Herzöge sich bei den Juden Geld liehen, trat hier natürlich auch die bis heute bekannte Abhängigkeit von Politik und Kapital ein. Die Begünstigung der Juden durch Kirche und Staat wurde durch weitere Gesetze, wie die der so genannten „Schutzjuden“ oder „Hofjuden“ und anderen privilegierten Ständen vorangetrieben. Die Organisation in Handel und  Industrie, sowie die Führung der Finanzgeschäfte bei Hofe waren zunehmend den Juden vorbehalten.
Nach dem Wegfall der monarchischen Macht seit dem 18. Jhd. konnte das Privatkapital sich weiterer Kontrollmöglichkeiten entziehen und seinen Einfluß vielseitig ausbauen. Heute ist es theoretisch jedem möglich, reich zu werden. Keine Gesellschaftsstände oder Gesetze hindern beispielsweise einen Christen, Moslem oder Juden daran, seinen Geschäften nachzugehen. Mit dieser Emanzipation der Rassen, Stände und Religionen, sowie der damit erlangten Freiheit wird aber niemand gefährdet, der Dank einer starken Gemeinschaft schon seit langem eine überverhältnismäßige Kapitalkraft inne hat.
Lediglich die potentielle Angriffsfläche der elitären Kreise kann mittels suggerierter Konkurrenz weitgehend gebannt werden, wie in einem Zweiparteiensystem, deren kapitale Abhängigkeit einen grundlegenden politischen Wechsel ausschließt, jedoch entstandene Frustration auffängt. Was bleibt ist die Geschlechteremanzipation. Bei den Germanen bereits gleichberechtigt, erkämpften Frauen im 20. Jhd. ihr Recht auf Gleichstellung. Im Berufsleben ist das mit der Ausbeutungsmöglichkeit seitens der Kapitaleigner und jetzt auch Kapitaleignerinnen verbunden. Sie werden jedoch zudem vor die Wahl gestellt: Kind oder Karriere? Heute reicht der Verdienst eines Arbeitnehmers (z. B. Handwerker /in) zur Finanzierung einer Familie nicht mehr aus. Anfänglicher Wohlstand führt wieder zu Lethargie und Dekadenz. Sie leiten den Niedergang der kulturellen, geistigen und sozialen Errungenschaften ein, ohne deren Präsenz sich wohl niemand Wohlstand wünscht.
In der leeren Gesellschaft geht es nicht um die Kultur eines Volkes, um die Artentfaltung als lebendiges, Generationen übergreifendes Naturgesetz, es geht um Geld, Image und Spaß. Je nach Einkommen und altersbedingtem Konsumprofil tragen wir dieselbe Kleidung, sprechen dieselbe Sprache, essen dasselbe Essen, hören dieselbe Musik und eifern international denselben tatenlosen Stars und Helden hinterher. Andere haben beim Aufbau dieser globalen, multikulturellen Scheinwelt über Jahrhunderte geholfen und verdienen recht gut daran.






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